Heute habe ich mal wieder Zweifel an meinem Beruf. Nicht, weil er nur ein unsicheres Einkommen verspricht. Sondern weil ich mich frage, wie lange man das mitmacht, diese Interessen-Kollision mit den Menschen, über die ich schreibe. “Das habe ich noch nicht so gelernt, dass ich dafür sorge, dass die Journalisten dann auch das schreiben, was ich will”, hat mein Interviewpartner gesagt. Und das will ich doch gerade nicht! Ich lasse mich doch nicht manipulieren!
Ich will Brüche finden, Ecken und Kanten, vielleicht sogar Geheimnisse/ Schicksalsschläge/ Widersprüche…alles was eben spannend ist. Und dann sitzt heute jemand vor mir, der einfach so normal ist, dass man keinen “Küchenzuruf” daraus bilden kann. Und Küchenzurufe mögen wir Journalisten. Bitte keine Berufsbezeichnungen, die länger als ein Wort sind! Bitte ein paar Vereinfachungen, damit es besser klingt!
Wir müssen immer Leute in Schubladen stecken. Heute gab es jemanden, der genau davor Angst hatte. Der sich selbst unterbrochen hat beim Sprechen – “nein, das sage ich lieber nicht”. Oder: “Nein, das auch nicht, zu politisch.” Wir haben gelernt, dass man dann fragt: “Warum wollen Sie mir das nicht sagen?” Naja, es ist ihm eben zu persönlich. Genauso wie ein Treffen im Büro, das gleichzeitig sein Zuhause ist. Ich kann es eigentlich verstehen.
Bisher war es nie ein Problem für mich, im Privatleben anderer Leute herumzupulen. Bisher hat mir immer jeder alles freiwillig und gerne erzählt. Ich habe danach im Artikel vieles nicht erwähnt, weil ich ja niemanden bloßstellen will. Bis heute. Entweder, er wollte mir nichts privates erzählen. Oder er hatte einfach gar nichts privates zu erzählen. Vielleicht hat es mich nur irritiert, dass jemand mit einem spannenden Beruf in Wirklichkeit total normal ist.
Nutze ich die anderen aus? Will ich nur die Geschichte? Was hat der andere eigentlich davon?
Er hätte etwas davon, weil es für ihn Werbung wäre. Aber ich befürchte, der Artikel über ihn wird nirgends erscheinen, sondern eine Übung bleiben. Morgen weiß ich mehr. Bisher habe ich noch jeden Artikel bis zur Deadline fertig bekommen.
Heute habe ich auch ein Portrait über einen Auslands-Korrespondenten geschrieben, das Interview habe ich im Oktober geführt. Trotzdem fiel es mir total leicht, weil der Reporter einfach gerne von sich erzählt hat. Und mein Interviewpartner heute? Ich bin mir nicht sicher, ob er nichts erzählen wollte oder ob er einfach nichts zu erzählen hatte oder nicht so gerne über sich selber spricht.
Aber wer will dann den Text über ihn lesen?
